Pädagogische (Innen)Architektur

Was bedeutet der Begriff "pädagogische Architektur" für uns, Bauen für Geborgenheit, den Förderverein Würzburger Modell e. V.?

  • Eine bedürfnis- und bedarfsgerecht geplante und gebaute räumliche Umgebung ist eine der wesentlichen Rahmenbedingungen für eine gelingende Pädagogik.
  • Die pädagogische Landschaft erfordert die pädagogisch durchdachte Planung von Neubauten, Umbauten, Sanierungen, Innenräumen und Außenbereichen.
  • Sie erfordert auch ein fachübergreifendes Zusammenwirken der sehr unterschiedlichen Professionen Pädagogik und Architektur – zum Wohle der "Nutzer".
  • Nur dadurch kann baulich eine volle "Potentialentfaltung" der Bewohner / "Nutzer", der "Betreuten" und der Pädagogen unterstützt werden
  • Pädagogisch wirksame Architektur ist nur durch die Berücksichtigung menschlicher Grundbedürfnisse zu erreichen, – noch – nicht durch ein Architekturstudium
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Während des Baus 2015: Kindertagesstätte (links), Jugendfoyer (mittig), Gemeindezentrum (rechts)
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Gemeindezentrum v. hinten gesehen, Jugendfoyer Ausgang


Was sind die menschlichen Grundbedürfnisse?

  • Wir nutzen sie als gemeinsamen Nenner von Betreuten und Pädagogen, jung und alt, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Herkunftsorten, zwischen Architektur und Pädagogik, Einrichtungsträgern und Regierungsstellen. Es sind die – uns allen – gemeinsamen Bedürfnisse, z. B. nach Geborgenheit, Stabilität, Individualität, Gemeinschaft, nach sinnvoller Aktivität, hilfreicher umgebender Struktur.

Welche Leitgedanken und Sinnsprüche bringen wir mit dem Begriff in Verbindung?

  • "Der Raum als dritter Pädagoge" des norditalienischen Erziehungswissenschaftlers Loris Malaguzzi (1920-1994)

  • "Der Raum, das Haus als dritte Haut des Menschen" des Konstanzer Landarztes Hubert Palm, einem der Begründer der Baubiologie in Deutschland

  • „Ein Kind hat drei Lehrer:
    Der erste Lehrer sind die anderen Kinder.
    Der zweite Lehrer ist der Lehrer.
    Der dritte Lehrer ist der Raum“.     
    eine schwedische Schulweisheit

  • "Je schwieriger die pädagogische Arbeit wird,
    desto mehr müssen wir darüber nachdenken,
    unter welchen Bedingungen sie stattfindet."
    des bedeutenden Pädagogen Janusz Korczak (1878 – 1942)

  • "Der Mensch lebt nicht in der Fassade." des Professors für Sonderpädagogik und Kunsterziehung Wolfgang Mahlke, (1923 – 2008, ehemals Universitäten Eichstätt und Würzburg)

  • "Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne" des wichtigen Künstlers und Pädagogen Hugo Kükelhaus (1900 – 1984)

  • "Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren." der wegweisenden Reformpädagogin und Philosophin Maria Montessori (1870 – 1952)

In Fachveröffentlichungen wird fast ausschließlich der Schul(haus)bau im Zusammenhang mit pädagogischer Architektur aufgeführt. Ist das für uns ebenso?

 

  • Nein, weil in unserem Land hunderttausende Pädagogen in pädagogischen Einrichtungen, z. B. Kinderkrippen, Kindertagesstätten, Heimen jedweder Coleur, in Horten, heilpädagogischen Tagesstätten, auch in Altenheimen, und letzthin auch in der Betreuung von Flüchtlingen wirken. Sie arbeiten jeden Tag pädagogisch am Gelingen unserer Gesellschaft und haben es verdient, eine für sie sinnvoll gestaltete, und für ihre Anvertrauten hilfreiche pädagogische (Innen)Architektur vorzufinden! Nicht nur Lehrer sind Pädagogen.

Welchen Pädagogenkreis sehen wir als notwendig in Planungen einzubeziehen an?

  • In angemessener Weise* – möglichst alle Pädagogen, Erzieher, Psychologen, Lehrer, Therapeuten, die in für die Bildung und Erziehung vorgesehenen Häusern, Räumen, Außenbereichen arbeiten. Neben den menschlichen Grundbedürfnissen ist natürlich das, der Bildung und Erziehung zugrunde liegende, pädagogische Konzept für die Gestaltung dieser Bereiche räumlich maßgebend.

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Was ist für uns im Bauprozeß (Planungs- bis Ausführungsphase) zu gewährleisten?
  • Im Moment, beim jetzigen Stand von Pädagogik vs. Architektur, sind bei laufenden Projekten geeignete Dolmetscher einzuschalten, die zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Sprach- und Wissensgebieten vermitteln können.
  • Einzelschritte sind beispielsweise: zunächst genaueste Eruierung der Bedürfnisse von Betreuten und Pädagogen; Einschaltung eines Architekten und eventuell eines "Dolmetschers"; eine gemeinsame Infoveranstaltung; Exkursionen zu guten Einrichtungen auf dem jeweiligen pädagogischen Gebiet; Vertrautmachen mit wissenschaftlichen Forschungsprojekten diesbezüglich; gegenseitige "Kurzlehre" – für Pädagogen: das Planlesen, für Architekten: die unterschiedlichen pädagogische Konzepte; mehrere gemeinsame Planungstage; *Aufstellen einer zuständigen Mitplanungsgruppe unter den Pädagogen; wo möglich Eigenbeteiligung beim Bauen; regelmäßige Reflexionen zum jeweiligen Planungs- oder Bauausführungsstand; Erfahrungen der "Nutzer" regelmäßig abfragen – und einige mehr.
  • In baldiger Zukunft muß ein Fachbereich / Lehrstuhl Pädagogische Architektur an Hochschulen geschaffen werden als fünfter Finger an der Hand neben Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und der Städtebauarchitektur.

Welche pädagogischen Ziele werden durch eine gezielte Gestaltung angestrebt?

       Hier folgend einige von diesen – ohne den Anspruch auf Vollständigkeit

  • Zufriedenheit von Betreuten und Pädagogen mit der räumlichen Umgebung
  • Verortung und Beheimatung in ihr, Selbstaneignung der Häuser und Räume
  • Entspannung im Gruppengefüge, Reduzierung des Dichtestreß, der Lautstärke
  • Förderung von eigener Motivation, Selbständigkeit, Eigeninitiative
  • Förderung von Wissensdurst und Kreativität
  • Raum und Zeit für individuelle Förderung Einzelner
  • differenzierte pädagog. Arbeitsweisen anwenden durch räumliche Unterstützung
  • gute Lern-, Erziehungs- und Bildungsqualität durch qualitative räumliche Umgebung
  • Orientierung, Grenzenachten, Ordnunghalten durch räumliche Strukturiertheit
  • möglichst umfassende "Potentialentfaltung" der "Nutzer"
  • Harmonisierung im Zusammenleben
  • Zuoberst steht: eine gelingende Pädagogik