Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen

Praxisbericht über eine Panorama-Ansicht eines Raumes der Tagesstätte – das erwähnte Panorama können Sie hier ansehen.

Es berichtet:
Anne Heuberger, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), Leiterin der Tagesstätte Heilpädagogisches Zentrum, Geschwister-Scholl-Platz 2, 95445 Bayreuth

Das Panorama vermittelt, meines Ermessens, einen guten Eindruck über den Raum, der nach dem ganzheitlichen Konzept des "Würzburger Modells" gebaut wurde.
Für uns sind folgende Aspekte für die pädagogische Arbeit besonders wichtig:
Überrascht hat uns, gleich nach Inbetriebnahme der umgebauten Räume, dass nicht nur Rückzug eine Variante der Raumnutzung ist, sondern auch eher das Gegenteil:
Kinder, die ausgesprochene Einzelgänger sind und sich nur schwer der Gruppe anschließen, können durch die Nischen und geschützten Kuschelecken für sich die Möglichkeit finden, sich in Kleingruppen mit ein oder zwei anderen Kindern zusammenzutun und gemeinsam etwas zu unternehmen.

Selbstverständlich wird viel Konfliktpotenzial aus dem Gruppengeschehen genommen, indem die Kinder selbst über Teilnahme an Angeboten oder Rückzug entscheiden können. Dies unterstützt unser pädagogisches Konzept der "Freien Spiel- und Beschäftigungszeit" auf der Basis der "personzentrierten Pädagogik" hervorragend.

Ein Beispiel habe ich letzte Woche selbst miterlebt: Die Erzieherin hat am Tisch Experimente angeboten (übrigens zufällig in dem dargestellten Raum). An diesen "Forschungen" hat ein Großteil der Gruppe teilgenommen, aber zwei Kinder bevorzugten die Distanz: Ein Junge hatte offensichtlich überhaupt kein Interesse an dem Gruppenangebot und hat sich in eine Kuschelecke mit einem Buch zurückgezogen. Er konnte sich ganz vertieft und ungestört darauf konzentrieren, obwohl er im Gruppenraum und somit nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen war.
Ein anderer Junge beobachtete höchst interessiert das Geschehen von der oberen Etage aus. Er hatte offensichtlich Probleme mit der direkten Teilnahme, hatte aber durch die Gegebenheiten des "Würzburger Modells" optimale Bedingungen, um auf seine Weise am Geschehen teilzunehmen. Er wanderte auch auf die andere Seite der Galerie, als sich die Kinder unten im Raum an den anderen Tisch setzten.

So ist sehr viel Selbstbestimmung und Individualisierung durch das "Würzburger Modell" gegeben, für unser pädagogisches Konzept eine optimale Unterstützung. Wir möchten jedes Kind unterstützen, seinen eigenen Weg zu finden, und Anpassung an Gruppe, Institution und Struktur auf ein unbedingt notwendiges Maß beschränken.

Bayreuth, den 6. Januar 2011